Was ein Wortschatztest wirklich misst
Wortschatztests gibt es in zwei Bauarten. Multiple-Choice-Tests prüfen die Tiefe: ob du aus vier Vorschlägen die richtige Bedeutung heraussuchst. Erkennungstests prüfen die Breite: wie viele Wörter du überhaupt kennst. Dieser Test misst die Breite, denn die Breite ist es, welche die bekannten Zahlen zur Wortschatzgröße beschreiben.
Das Format heißt Ja/Nein-Methode und ist in der Psycholinguistik seit den achtziger Jahren Standard. Du siehst ein Wort und sagst, ob du es kennst. Keine Definitionen, keine Fangfragen, kein Zeitdruck. Das klingt zu einfach, um zu funktionieren, und für sich allein wäre es das auch. Deshalb sind acht der vierzig Einträge erfunden.
Die echten Wörter stammen aus vier Schwierigkeitsstufen, von Arbeitspferden wie beharrlich bis zu Raritäten wie Ranküne, dem alten Wort für einen heimlich gehegten Groll. Die Stufe, auf der deine Erkennung abbricht, verrät, welchen Teil des Wörterbuchs du tatsächlich besitzt.
Eines vorweg, damit keine Missverständnisse entstehen: Diese Seite ist für deutsche Muttersprachler gebaut. Sie fragt nicht, ob dein Deutsch für den Alltag reicht. Sie fragt, wie weit dein Deutsch über den Alltag hinausreicht.
Warum acht der vierzig Wörter erfunden sind
Bitte Menschen, ihren eigenen Wortschatz einzuschätzen, und fast alle landen über dem Durchschnitt. Ja/Nein-Tests teilen diese Schwäche, denn „kenne ich“ zu sagen kostet nichts. Ohne Gegengewicht messen solche Tests Selbstvertrauen statt Wissen. Die Forschung hat das Problem vor Jahrzehnten mit einer schlichten Falle gelöst. Man mischt Pseudowörter unter, erfundene Ketten wie Wispernis oder konvolent, die der deutschen Schreibung und Lautung folgen, tadellos klingen und nichts bedeuten.
Dahinter steckt die Signalentdeckungstheorie, dieselbe Mathematik wie bei Radarschirmen und medizinischen Reihenuntersuchungen. Jedes echte Wort, das du erkennst, ist ein Treffer. Jedes erfundene Wort, das du für echt hältst, ist ein Falschalarm, und ein Falschalarm legt nahe, dass auch ein Teil deiner Treffer geraten war. Der Test zieht deshalb einen Abschlag ab, der mit deiner Falschalarmrate wächst. Wer vorsichtig ist und ehrlich 25 Wörter markiert, schlägt so den Selbstbewussten, der 35 markiert und dabei auf drei Fälschungen hereinfällt.
Ernsthafte Forschungsinstrumente arbeiten genau so. LexTALE, ein verbreiteter lexikalischer Test von Lemhöfer und Broersma aus dem Jahr 2012, besteht aus 40 Einträgen im selben Format und aus demselben Grund. Auch die deutsche Studie, aus der unser Normwert stammt, mischte 24 Pseudowörter unter 100 echte Wörter.
Die meisten Wortschatztests im Netz sparen sich diese Korrektur, weil unkorrigierte Ergebnisse schmeicheln und schmeichelnde Ergebnisse geteilt werden. Uns ist eine kleinere Zahl lieber, der du glauben kannst. Wenn dein Ergebnis hier niedriger ausfällt als auf anderen Seiten, liegt es daran, und das ist keine Panne, sondern der Sinn der Sache.
Wortschatztest, WST und MWT: was hier anders ist
Wer auf Deutsch nach einem Wortschatztest sucht, stößt schnell auf ein paar Kürzel. Sie sind etwas völlig anderes als diese Seite, und das gehört offen gesagt.
Der WST von Karl-Heinz Schmidt und Peter Metzler, 1992 bei Beltz erschienen, ist ein klinisches Verfahren. Vierzig Aufgaben, in jeder Zeile ein echtes Wort zwischen fünf Kunstwörtern, auf Papier bearbeitet und von einer Fachperson ausgewertet. Psychologinnen und Ärzte setzen ihn ein, um das verbale Intelligenzniveau zu schätzen, die prämorbide Intelligenz nach einer Hirnschädigung zu rekonstruieren oder den Verlauf einer Demenz zu beobachten. Der MWT von Siegfried Lehrl, meist in der Fassung MWT-B, folgt derselben Logik. Beide werden über Fachverlage wie die Testzentrale an Fachleute verkauft, kosten Geld und gehören in geschulte Hände.
Daneben stehen die Einstufungstests der Sprachschulen und des Goethe-Instituts. Die richten sich an Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, und ordnen sie den Stufen A1 bis C2 zu.
Diese Seite ist weder das eine noch das andere. Sie stellt keine Diagnose, sie vergibt kein Sprachniveau, und sie ersetzt nichts davon. Sie ist eine kostenlose Schätzung für Muttersprachler, die schlicht neugierig sind, wie groß ihr eigener deutscher Wortschatz eigentlich ist. Kein Befund, keine Einstufung, keine Rechnung.
So wird gewertet
Dein Ergebnis sind die Treffer minus einem Abschlag für Falschalarme. Jedes echte Wort, das du markierst, zählt als Treffer. Jedes Pseudowort, das du markierst, kostet mehr, als ein Treffer einbringt, weil es sämtliche übrigen Angaben in Zweifel zieht. Der bereinigte Wert wird auf eine Skala von 0 bis 100 gebracht und mit dem deutschen Normwert verrechnet. Daraus entsteht die geschätzte Wortschatzgröße in Lemmata.
Interessanter als die Gesamtzahl ist die Aufschlüsselung nach Stufen:
| Stufe | Ebene | Beispiel |
|---|
| 1 | Alltag | beharrlich |
| 2 | Zeitungsdeutsch | lakonisch |
| 3 | Bildungssprache | subsumieren |
| 4 | Selten | Ranküne |
Bei den meisten Menschen bricht die Erkennung an genau einer Stufe ein, und dieser Bruch ist deine Lesegrenze: die Ebene, auf der die nächsten Wörter auf dich warten.
Dazu zwei ehrliche Einschränkungen. Vierzig Einträge können keine siebzigtausend Wörter zählen. Die Schätzung rechnet von einer Stichprobe hoch und trägt eine echte Fehlerspanne, also nimm sie als Bereich und nicht als Zählung. Und sie beruht auf deiner Selbstauskunft. Für die Selbsterkenntnis taugt das gut, für klinische, schulische oder berufliche Entscheidungen überhaupt nicht.
Wie viele Wörter kennt ein Deutscher wirklich?
Die beste Antwort für das Deutsche stammt von Jutta Segbers und Sascha Schroeder vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. 2017 veröffentlichten sie in Language Testing ein Verfahren, das Testergebnisse über einen Korpus auf die gesamte Lexikongröße hochrechnet. Für junge Erwachsene zwischen 18 und 25 kamen sie auf rund 73.000 Lemmata, genauer auf 73.625 bei einer Standardabweichung von 17.593. Lemmata sind Grundformen: gehen, ging und gegangen zählen zusammen einmal.
Das liegt deutlich über den etwa 42.000 Lemmata, die Brysbaert und Kollegen 2016 für englische Muttersprachler ermittelten. Der Abstand ist allerdings kein Verdienst, sondern Bauart. Deutsch ist morphologisch reicher und setzt unentwegt neue Komposita zusammen, also fallen schlicht mehr eigenständige Grundformen an. Die Autoren nennen genau diesen Grund selbst.
Vielleicht kennst du andere Zahlen. Der Duden setzt den aktiven Wortschatz eines Muttersprachlers bei 12.000 bis 16.000 Wörtern an, den passiven bei mindestens 50.000. Diese Angaben widersprechen den 73.000 nicht, sie zählen etwas anderes. Aktiv heißt: Wörter, die du selbst benutzt. Passiv heißt: Wörter, die du verstehst, wenn sie dir begegnen. Und je nachdem, ob man Lemmata, Wortfamilien oder Wörterbucheinträge zählt, verschieben sich die Summen erheblich. Wer seinen Wortschatz testen will, sollte deshalb immer zuerst fragen, was hier eigentlich als Wort gilt.
Eine Einschränkung gehört dazu, weil sie in der Studie selbst steht: Die Erwachsenenstichprobe umfasste nur dreißig Personen, und die Autoren weisen darauf hin, dass ihre Erwachsenenwerte weniger präzise ausfallen als die Kinderwerte. Die 73.000 sind der beste veröffentlichte Anhaltspunkt für das Deutsche, kein in Stein gemeißelter Wert. Wer solche Zahlen gern weitererzählt, findet bei uns eine ganze Sammlung Fakten, die dich klug klingen lassen.
Wortschatz erweitern: was tatsächlich wirkt
Der Wortschatz gehört zu den wenigen geistigen Größen, die ein Leben lang wachsen. In den englischen Daten kommen zwischen 20 und 60 rund 6.000 Lemmata dazu, etwa ein neues Wort alle zwei Tage, und fast alles davon durch Lesen. Das geschieht von allein, nur eben langsam. Drei Gewohnheiten beschleunigen es spürbar.
- Lies eine Stufe über deinem Niveau. Zwei oder drei unbekannte Wörter pro Seite sind der ideale Widerstand: genug Kontext zum Entschlüsseln, ohne dass du absäufst. Was danach passiert, entscheidet mehr als die Lektüre selbst, und dazu steht alles in unserem Beitrag darüber, wie du behältst, was du liest.
- Lerne Wurzeln statt Listen. Ein großer Teil der deutschen Bildungssprache besteht aus lateinischen und griechischen Bauteilen. Wer sub und sumere kennt, entschlüsselt subsumieren beim ersten Lesen. Das ist der Hebel, und genau dort setzt der Etymologie-Kurs an, den wir bei schwachen Ergebnissen vorschlagen.
- Benutze die Wörter laut. Ein Wort, das du erkennst, aber nie sagst, gehört dir nur halb. Wie du neue Wörter einbaust, ohne wie ein wandelnder Thesaurus zu klingen, steht in wie du in Gesprächen klüger wirkst.
Und wer das Ganze größer aufziehen möchte, als System statt als Zufall, findet den Rahmen dafür hier: wie du gebildeter wirst.
Das Instrument hinter diesem Test
Ja/Nein-Worterkennungstest mit Pseudowort-Korrektur. Eigens erstellte deutsche Wortliste. Format und Falschalarm-Korrektur folgen der Ja/Nein-Methodik von Meara und Buxton sowie von LexTALE, der Normwert stammt aus Segbers und Schroeder (2017). Eine Selbstauskunft über Worterkennung, kein klinisches und kein schulisches Testverfahren. Quelle: Meara, P., & Buxton, B. (1987). An alternative to multiple choice vocabulary tests. Language Testing, 4(2), 142-154; Auswertung nach Lemhöfer, K., & Broersma, M. (2012). Introducing LexTALE. Behavior Research Methods, 44(2), 325-343; deutscher Normwert nach Segbers, J., & Schroeder, S. (2017). Language Testing, 34(3), 297-320. Normwerte: Segbers, J., & Schroeder, S. (2017). How many words do children know? A corpus-based estimation of children's total vocabulary size. Language Testing, 34(3), 297-320.
Quellen und weiterführende Literatur
- Brysbaert, Stevens, Mandera & Keuleers (2016), How many words do we know?, Frontiers in Psychology · the ~42,000-lemma estimate, open access
- Lemhöfer & Broersma (2012), Introducing LexTALE, Behavior Research Methods · yes/no pseudoword vocabulary-test methodology
- Segbers & Schroeder (2017), How many words do children know?, Language Testing 34(3), 297-320 · der deutsche Normwert: 73.625 Lemmata (SD 17.593) für junge Erwachsene von 18 bis 25
- WST Wortschatztest (Schmidt & Metzler, 1992), Testzentrale · das klinische Papierverfahren für Fachleute, von dem sich dieser Test abgrenzt
Veröffentlicht 8. August 2026 · Zuletzt aktualisiert 8. August 2026
Häufige Fragen
Wie viele Wörter kennt ein durchschnittlicher Deutscher?
Rund 73.000. Jutta Segbers und Sascha Schroeder vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung kamen 2017 in Language Testing auf 73.625 Lemmata für junge Erwachsene zwischen 18 und 25, bei einer Standardabweichung von 17.593. Lemmata sind Grundformen, gehen und ging zählen also zusammen einmal. Der Duden nennt daneben 12.000 bis 16.000 Wörter für den aktiven Wortschatz und mindestens 50.000 für den passiven. Beide Angaben stimmen, sie zählen nur Verschiedenes.
Wie kann ich meinen Wortschatz testen?
Mit einem Erkennungstest, der Kunstwörter enthält. Du markierst aus einer Liste über mehrere Schwierigkeitsstufen, welche Wörter du kennst, und die Pseudowörter fangen die Selbstüberschätzung ab. Genau das läuft auf dieser Seite: 40 Einträge, rund drei Minuten, kostenlos und ohne Anmeldung. Multiple-Choice-Tests messen, wie genau du einzelne Wörter kennst; für den Gesamtumfang ist die Erkennungsmethode mit Rateabschlag das übliche Verfahren.
Was ist ein Pseudowort?
Ein Pseudowort ist eine erfundene Buchstabenfolge, die den Regeln der deutschen Schreibung und Lautung folgt, aber nichts bedeutet, etwa Wispernis oder zwirbelhaft. Weil es aussieht und klingt, als könnte es echt sein, ist es die perfekte Falle für Selbstüberschätzung. Wer angibt, ein solches Wort zu kennen, rät, und seine übrigen Angaben werden entsprechend abgewertet.
Was ist der Unterschied zwischen aktivem und passivem Wortschatz?
Der aktive Wortschatz sind die Wörter, die du selbst benutzt, der passive die, die du verstehst, wenn sie dir begegnen. Der passive ist immer um ein Vielfaches größer. Dieser Test misst die passive Seite, also das Erkennen. Deshalb liegt sein Ergebnis auch über den 12.000 bis 16.000 Wörtern, die üblicherweise für den aktiven Wortschatz genannt werden.
Ist das der WST oder der MWT?
Nein. Der WST von Schmidt und Metzler (1992) und der MWT von Lehrl sind klinische Verfahren. Sie werden auf Papier bearbeitet, über Fachverlage wie die Testzentrale an Psychologen und Ärzte verkauft und dienen dazu, das verbale Intelligenzniveau zu schätzen, die prämorbide Intelligenz zu rekonstruieren oder den Verlauf einer Demenz zu beobachten. Dieser Test hier ist kostenlos, dauert drei Minuten und ist für neugierige Muttersprachler gedacht, nicht für die Diagnostik.
Wie genau ist dieser Wortschatztest?
Er ist eine ehrliche Schätzung, keine Zählung. Vierzig Einträge können keine 73.000 Wörter erfassen. Der Test tastet vier Schwierigkeitsstufen ab und rechnet von der Stelle hoch, an der deine Erkennung abbricht, während die Kunstwörter Glückstreffer herausrechnen. Rechne mit einem Bereich um den angezeigten Wert. Das ist immer noch mehr, als die meisten Online-Tests bieten, die auf den Rateabschlag ganz verzichten.
Wie kann ich meinen Wortschatz erweitern?
Durch Lesen leicht über dem eigenen Niveau, durch Wurzeln statt Vokabellisten und dadurch, dass du neue Wörter tatsächlich verwendest. Zwei bis drei unbekannte Wörter pro Seite sind der ideale Widerstand. Wer die lateinischen und griechischen Bausteine der Bildungssprache kennt, entschlüsselt unbekannte Fremdwörter von selbst. Und ein Wort gehört dir erst, wenn du es einmal laut benutzt hast.
Ist der Wortschatztest kostenlos?
Ja. Kostenlos, ohne Anmeldung, ohne E-Mail-Abfrage, und dein Ergebnis erscheint sofort samt Aufschlüsselung nach Stufen. NerdSip baut eine App, die faktengeprüfte Fünf-Minuten-Kurse zu beliebigen Themen erzeugt; dieser Test ist dasselbe Handwerk, angewandt aufs Messen. Zeigt dein Ergebnis eine Lücke, schlagen wir dir einen passenden Kurs vor. Der Test selbst verlangt nichts von dir.